Das ich das noch erleben darf…

Der Jan, seinesZeichens Ex-Arbeitskollege und guter Pokerfreund meiner Person, teilte mir neulich mit, daß er einen Thekenschlampenjob bei ‘nem Konzert in Ferropolis annähme, wo neben der finanziellen Aufbesserung auch noch der Punkt als Einscheidungsgrund beitrug, daß dort gute Musik gespielt werden solle - Die Ärzte!!!

Kurzerhand fiel mir nach einigen Tagen Bedenkzeit eine Idee ein, von der die bis dahin kaum brauchbare Wochenendplanung von Yves und mir tadellos profitieren sollte: Wieso nicht einfach mal gucken, ob da irgendein Abzocker vor dem Konzert noch Tickets vertickt und dann den Jan beim Rotieren begrinsen? Kost’ ja fast nix.

Gesagt getan…

Mit Boarding Time 19:15Uhr und Tiefflug über Dessau Ost schlugen wir fünf vor acht in Oranienbaum auf und standen prompt wegen der VOLLsperrung in Jüdenberg fast direkt am Ortausgang O-Baum im Stau, der wegen der Umleitung um den Gremminer See noch die ganzen letzten 15km dauern sollte.
Zeitdruck! Wir wollen noch Karten!

Also zurück nach O-Baum, die Offroadfähigkeiten in der Baustelle Jüdenberg getestet (hier blockierte ein scheinbar mißmutiger Anwohner die einzige Durchfahrt) und Schleichweg gefunden. Das Bodenpersonal an der Ferropolis-Zufahrt flaggte uns um 20:10Uhr auf einen als Parkplatz mißbrauchten Acker. Noch halb benebelt von der staubigen “Landstraße” liefen wir dann auch direkt dem wohl einzigen noch mit Karten bestückten Schwarzmarkt-Ticket-Verticker in die Arme, der uns für gerade mal 5€ über Normalpreis auch prompt mit zwei von Originaltickets kaum zu unterscheidenden Bilets ausstattete.

Entspannt genossen wir dann den Spaziergang am See zum eigentlichen Konzert-Areal, nahmen wir doch an, daß 20Uhr erstmal die beiden Vorbands was zum Besten geben würden. Gegen halb neun sahen wir dann erstmals die noch verhüllte Bühne, fühlten uns mächtig gut, daß wir’s noch rechtzeitig geschafft hatten, checkten die crowd aus und suchten anschließend systematisch die mobilen Theken nach meim Freund Jan ab.

Offensichtlich hatte man ihn für einen der Stände rekrutiert, an welche die einströmenden Massen brandeten. So dauerte es ganze 10min bis wir uns an den tropfnassen Tresen vorgemogelt hatten. Genug Zeit um den noch immer völlig ahnungslosen Jan zu beobachten, der durch die mitunter ziemlich aufmüpfige Menge so sehr auf Trab gehalten wurde, daß er uns erst nach weiteren 5min in der ersten Reihe bemerkte. Damit er ja nicht aus der Übung kommt, orderten wir natürlich erstmal zwei Kaltgetränke, auf die wir auch zunächst warten mußten, da wir ja nicht an der Reihe waren und der Mob neben uns schon zu höheren Lautstärken ansetzte.

Endlich mit Bier versorgt, ließen wir ihn mit unseren besten Wünschen seine nahezu unbepauste Pflicht verrichten, pilgerten weiter durch die Profitmeile oberhalb der Ränge und entdeckten den zweiten Teil des Ferropolis-Deltas. Wegen der Nähe zu den erwähnten gastronomischen Gefährten suchten wir uns zunächst ein unbestuhltes Plätzchen mit Weit- und Ausblick zur Stage.

Als um neun dann direkt Farin U.’s und Bela B.’s Stimmen über den wartenden Massen erschallten, waren wir nah daran, zu glauben, daß die Vorbands voll ins Ärzte-Programm integriert werden würden, da (außer der Uhrzeit) aber auch gar nichts darauf hinwies, daß wir die Vorbands verpaßt hatten. Dem war allerdings so. Egal, wir hatten sowieso noch nie was von denen gehört und waren ja schließlich wegen Belafarinrod gekommen.

Das dann folgende Programm umfaßte neben so ziemlich allen Ärzte-Liedern, die ich jemals gut fand, kaum eine Handvoll Songs, die ich noch nicht kannte. Man bedenke, daß die beste Band der Welt sich mit diesem Stoff fast 3,5h auf der Bühne durchschlagen konnten. Man merkte, daß es ihnen nach so vielen Jahren immernoch saumäßigen Spaß macht, das Publikum zu rocken und mit den Fans Späßchen und Spielchen zu treiben. Nach dem ersten Lied stellte Farin erstmal die Hauptregel für Ärzte-Konzerte klar: “Wenn wir nichts machen, wird geklatscht!” Das wurde dann erstmal geübt und später Sitz-Laola und Jubeln für “die, die sich für Bagger halten” exerziert.

Typisch Ärzte ist auch, daß mit jeder Zugabe das Niveau sinkt. Das kennt man schon von Konzertmitschnitten oder den Lesungen und man erwartet sowas schon. So fielen in der letzten Improvisationsstufe verschiedene umgangssprachliche Begriffe aus dem Fachbereich der menschlichen Biologie, mehr oder weniger geschickt verpackt in ein Standup-Reim-Ping-Pong zwischen Farin und Bela in einer schier endlosen “Zu spät”-Version, in der sie zum Teil selbst aus dem Lachen nicht mehr rauskamen. Ob es wohl ein Taktik ist, daß sowas erst zur dritten Zugabe kam? Geben die Ärzte den Vätern, die ihre Kinder zum stundenlangen Schilder hochhalten zwingen, so die Gelegenheit, Jugendschutz zu betreiben?

Mit einer vierten Zugabe (Playback) verabschiedeten sich die Ärzte jedenfalls gegen halb 1 von ihren Fans. Yves und ich, die wir gefühlt mit jeder halben Stunde näher zu Bühne gerückt waren, ließen erstmal den Hauptpulk ziehen, da wir uns eines Abreisechaos’ sicher waren. Da Jan auch immernoch seeehr beschäftigt war, als wir vom “Parkett” gebeten wurden, beobachteten wir zum Ausklang des Abends noch ein Weilchen von den Rängen aus die Roadies beim Abbau. War hatten dann gerade noch Gelegenheit für eine gemeinsame Zigarette mit Jan, bevor wir mit einem sopranen “Kann ich mal Euer Bändchen sehen?” vom Areal geordnet wurden.

Von weitem sahen wir dann schon die Lichterkette entlang der B107 gen Gräfenhainichen und ließen uns alle Zeit der Welt für den Rückmarsch zum Park-Acker. Als wir dort ankamen, war kaum eine Bewegung in der endlosen Schlange nach Grä-hai zu erkennen. Selbst die mit den vielen Helferlein gefüllten Busse, welche auf der Gegenspur zügiger vorankommen sollten, blieben nach nicht mal 50m im Stau stecken. Heimlich mogelten wir uns daher, nachdem sich Jan zu uns gesellt und sich ausgiebig über die unverschämten Arbeitsbedingungen echauffiert hatte, in den Fahrzeugstrom durch das nun zumindest einspurig offene Jüdenberg. Für die Unannehmlichkeiten bei der An und Abreise entschuldigten sich die Veranstalter übrigens in einem offenen Brief an alle Besucher.

Alles in allem war es aber ein äußerst gelungener Abend. Da wir mit der Einstellung herangegangen waren, daß man sich nach vergeblichen Versuchen, eine Karte zu bekommen, eine Stunde später eine Beschäftigung in Leipzig suchen muß, haben wir nach dem Verlassen des Autos schließlich nurnoch gewonnen. Das wurde aber noch mehrfach durch das seeehr unterhaltsame Konzert getoppt, getoppt und getoppt!

Fazit: gelungener Auftakt mit Suchtcharakter in eine nie dagewesene Konzert-Saison!